…und Friede Deiner Seele

Posted by greenslade on Jul 21, 2009 in Leben und Tot |

…und Friede Deiner Seele

Das war schon ein tolles Fest – weniger, wegen dem, was da so geboten, wurde als vielmehr wegen der Leute. Ich traf Menschen, die ich irgendwann auf meinem Weg aus den Augen verloren hatte, Freunde, die ich seit etwa hundert Jahren nicht mehr gesehen habe. Darunter waren ein paar, bei denen ich eigentlich fest davon überzeugt war, sie seien tot und das irritierte mich zunächst ein wenig. Ich hoffte, dies bedeutete nicht, daß der Rest von uns ebenfalls “abgetreten” war.
Und dann waren da noch ein paar andere Sachen, die irgendwie nicht stimmten.Ihr wißt schon wie das ist: Lauter Dinge, die man einfach nicht wahrnehmen will, weil sie den Gesammteindruck stören, in dem man es sich gerade so schön bequem gemacht hat. Erst hinterher – wenn der Gesammteindruck sowieso schon beim Teufel ist -fallen sie Dir wieder ein und man fragt sich dann immer, warum man vorher nichts gemerkt hat.
Da war dieser störende Gedanke, daß ich mir absolut nicht vorstellen konnte, die Häuptlinge unserer Stadt würden eine “Hauptverkehrsader mit Strassenbahn-Linienbetrieb” sperren, nur weil ein paar Fraggles mit ihren Nachbarn feiern wollten. Und das schräg gegenüber ein leerer Schulhof sein langweiliges Wochenende verbrachte, machte die Sache auch nicht gerade wahrscheinlicher. Und dann die Merkwürdigkeit, daß ich von diesem Fest nichts gewußt habe… Ich verdiene mein Geld mit Strassen- und Kneipenmusik. Es gehört zu meinem Job zu wissen, wenn irgendwo etwas los ist.
Aber wie gesagt: So was stört nur.Ich freute mich einfach über die Gelegenheit, soviele Leute noch einmal zu sehen, von denen ich das im Leben nicht gedacht hatte: Die Freunde, die im Streit weg gegangen waren oder die einfach so aus meinem Leben “hinausdiffundiert” sind, wie Sachen, die man nicht wiederfinden kann, obwohl man sie gerade eben noch in der Hand hatte.
Ich traf den Spielkameraden,der -wie wir alle als Kinder – auf einer Baustelle rumgeklettert und dabei abgestürzt war. Da war der Jugendfreund, der “Mist gebaut” hatte und den es auf der Flucht vor der Polizei erwischte. Den Schulkameraden sah ich, der “Pech gehabt” hatte und der im Winter auf einer Parkbank erfroren ist, weil er keinen anderen Platz zum Schlafen gefunden hat. “Raibow”, der vor lauter Seeligkeit mit ein paar Menschen reden zu können zwischen Zug und Bahnsteigkante geraten war, Katja und die vielen anderen “Kinder”, die mit dem Leben nicht klar gekommen waren und sich deshalb mit einer Nadel oder sonstwie “weg gemacht” haben. Den “Bruder”, den ein besoffener Autofahrer von der Karre gefegt hat und den anderen, der – wegen eines blödsinnigen Streites, bei dem hinterher keiner so genau wußte, worum es ging – ein Messer eingefangen hatte.
Wie oft hatte ich all die Dinge bedauert, die zwischen uns ungesagt geblieben waren. Und jetzt waren sie mit einem Mal alle wieder da – neben ein paar anderen, die nicht tot sondern einfach nur lange nicht mehr da gewesen sind

Dann plötzlich sah ich “sie”: Dorothea, meine “große Jugendliebe” und einer von den wenigen Menschen, von denen ich wirklich sagen kann, daß sie mich geliebt haben. Dabei weiß ich selber nicht einmal warum.
Ich habe ihr damals sehr weh getan – nicht aus böser Absicht, sondern aus jugendlicher Unbedachtheit, aus Dummheit. Danach habe ich sie nicht wieder gesehen. Als ich es endlich begriffen hatte, habe ich versucht sie zu finden und sei es nur, um mich bei ihr zu entschuldigen – vergebens. Ich habe niemals erfahren, wo sie ist, bis sie da so plötlich vor mir stand.
Während ich auf sie zu ging, machten sich die störenden Elemente immer deutlicher bemerkbar…Ein paar von den Freunden sind schon so lange tot, daß ich bis gerade eben nicht einmal mehr an sie gedacht habe.
“Das ist ein Traum”, dachte ich und dann “Scheißegal ! Hauptsache er dauert so lange, bis ich ihr gesagt habe, daß es mir leid tut. Vieleicht findet meine Seele dann endlich Frieden.”
Ich sagte “Hallo” zu ihr und dann…

…dann weckte mich dieses enervierende Geräusch meiner Türklingel. Fluchend sah ich auf meinen Wecker und fluchte gleich noch mehr. Na gut ! Ohne Licht zu machen, zog ich mich an.
Es wäre nicht das erste Mal, daß einer von den Säufern aus dem Haus nachts bei mir Sturm klingelt, um eine Prügelei anzufangen. Ich hatte mich verschiedentlich bei der Hausverwaltung über Erbrochenes und Urin im Hausflur oder über nächtliche Ruhestörung beschwert.
Nun, diesmal hatte ich einen Grund mehr, die Gelegenheit willkommen zu heißen. Aber ohne Hose gehe ich nicht einmal im Sommer auf die Strasse, und draussen hatte es seit ein paar Tagen gefroren. Deshalb genehmigte ich mir noch ein Tshirt.. Dabei hoffte ich die ganze Zeit, daß der Typ nicht die Geduld verliert, abhaut und mir so die Gelegenheit nimmt, meinen ganzen Frust an ihm abzureagieren.
Immer noch im Dunkeln ging ich zur Wohnungstür und öffnete sie. Davor war niemand. Ich machte auch im Flur kein Licht. Nicht, daß es etwas ausgemacht hätte. Keiner ist so schnell, daß er um die nächste Ecke sein kann, bevor ich die zwei Treppen bewältigt habe – vor allem dann nicht, wenn ich richtig wütend bin. Ich brauche halt kein Licht. Meine Augen machen mir sonst mancherlei Probleme, aber im Dunkeln bewege ich mich immer noch sicherer, als jeder, den ich sonst so kenne.

Vor der Haustür stand Anita – immer noch mit dem Finger auf meinem Klingelknopf. Anita ist 28 Jahre alt und recht hübsch. Ich wollte mal was mit ihr anfangen, aber ich konnte nicht mithalten bei ihren Freunden Jack Daniels und König Pilsener. Es hatte ein paar häßliche Szenen zwischen uns gegeben, aber daß Anita aus meinem Leben verschwunden war, rechnete ich nicht auf mein Schuldenkonto.
Das sah überhaupt nicht gut aus für mein Bedürfnis, Frust abzureagieren. Bevor ich eine Frau schlage, muß diese eine tödliche Waffe in der Hand halten und die Absicht zeigen, sie einzusetzen.
Ein paar echt ätzende Bemerkungen sind in so einer Situation das zweitbeste, aber bevor ich Gelegenheit hatte, sie zu fragen, ob sie niemand anders gefunden hat, von dem sie ein Bier schnorren kann, sagte sie: “Komm ! Schnell !” und lief los.
Ihrer Reaktionszeit nach mußte sie ziemlich nüchtern sein. Ich dagegen war völlig perplex und brauchte also eine Weile um ihr zu folgen.
Daß ich es überhaupt tat, hing damit zusammen, daß ich immer noch etwas los werden wollte. Ich lasse mich nicht gerne wecken. Ich brauche meinen Schlaf, weil sich der Job eines Musikers eben nicht nur in dem bißchen Zeit erschöpft, daß er auf der Bühne verbringt. Davon abgesehen, war ich immer noch nicht wach genug, zu begreifen, daß eine Entschuldigung, die man an jemanden in einem Traum richtet, dem Seelenfrieden überhaupt nicht hift.
Ich ging ihr also nach und war darauf vorbereitet – unter völliger Mißachtung solcher unwesentlicher Kleinigkeiten wie “nächtliche Ruhestörung” – erin Bißchen rum zu brüllen.

Anita hatte sich auf der anderen Strassenseite vor einen ziemlich großen Pappkarton gekniet und zerrte an irgendwas darin. “Na, prima !” dachte ich, “Die Schlampe schmeißt Dich nachts aus dem Bett, weil sie irgendwas auf dem Sperrmüll gefunden hat.”
Ich glaube, in dem Augenblick habe ich über die Sache mit dem Schlagen von Frauen wirklich noch einmal nachgedacht. Aber seinen Prinzipien muß man schon treu bleiben.

Sie empfing mich mit dem Wort. “Bitte…” und ich sah, daß sie Tränen in den Augen hatte… und dann “…ich glaub der lebt noch.”
Ich sah in den Karton.Darin lag ein Mensch dürftig mit Zeitungspapier zugedeckt – irgendein Penner. Er war ziemlich hinüber: blaugefrorene Lippen, keine feststellbare Atmung. Ich dachte an Martin und griff fast automatisch nach seinem Puls.
Dann war ich wie der Blitz in meiner Wohnung, schnappte mir das Handy und setzte den Notruf ab.
Der Rettungswagen hat den Mann dann in´s Krankenhaus gebracht. Es sei die sprichwörtliche “Rettung in letzter Sekunde” gewesen meinte der Notarzt.

Jetzt liege ich hier auf meinem Sofa – wach. Drüben in meinem Bett im anderen Zimmer schläft Anita. Ich kann es mir einfach nicht leisten “da draußen” noch einen Freund zu verlieren.

für Dorothea

Peter Bachmann

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